UNNI – DIE SAMMLERIN
Von Vorurteilen und Tatsachen
Runzelige Hände wühlen. Tasten, fühlen, begutachten. Papier mit veralteten Nachrichten. Leere, eckige Plastikverpackungen. Knisternde, glatte Tüten. Werden nicht fündig, graben weiter, hinab in die Tiefe. Mit ihrer verbleibenden Sehkraft lag sie neben dem Mülleimer auf der Lauer, als er es mit Gewalt in die Tonne stopfte. Da. Ihre Fingerspitzen berühren etwas Weiches, Haariges. Die Finger umklammern ein knautschiges Kissen, ziehen es hinauf durch die schmale Öffnung des Deckels. Kaum an der Luft versteckt sie es unter ihrem Mantel und verlässt das Krankenhaus. Draußen fallen wässrige Bindfäden vom Himmel, sie spürt die Nässe. Der Mantel hat keine Knöpfe mehr, also wickelt sie die Hände schützend um den Oberkörper.
Den Weg kennt sie auswendig. Hinaus bis zur Kante der Ausfahrt, links entlang der kleinen Mauer, weiter an den Hauswänden voran. Ein stetiges, lautes Hupen nähert sich. Sie hat die große Straße erreicht und wartet, aber nicht, bis das Blindensignal ertönt. Stolz hebt sie den Kopf, kann noch verschwommene bunte Schleier erkennen. Dort, der Rote färbt sich grün. Begleitet von dem tutenden Signalton, welchen sie mit keinem Ohr würdigt, überquert sie die Straße. Von hier aus sind es genau vierundneunzig Schritte geradeaus, dann steht sie vor ihrer Haustür. Eine Hand kramt in der Jackentasche, zückt den Schlüssel, trifft das Schloss beim vierten Versuch. Das gleiche Spiel an der Wohnungstür im zweiten Stock. Endlich zu Hause.
Sie setzt das Bündel behutsam auf die Kommode, entledigt sich ihres Mantels und der Schuhe. Mit beiden Händen untersucht sie den neuen Mitbewohner. Eine runde Nase, kleine Ohren am Kopf, vier Glieder an einem dicken Bauch und eine Schleife um den Hals. Ein freudiges, helles Glucksen ertönt. Ein Bär! In ihrer vertrauten Umgebung gelangt sie sicheren Schrittes ins Wohnzimmer, setzt den Teddy zu den anderen Kuscheltieren auf das Sofa.
Zum Abendessen genießt sie neben einem Mikrowellengericht das Klassikkonzert im Radio. Am Morgen gibt es die Nachrichten und Cornflakes. Mit Orangensaft statt mit Milch, da sie die Tetra-Paks verwechselt. Schuld der ambulante Dienst, welcher Milch nicht wie gewohnt in Flaschen, sondern in Kartons lieferte. Neue Anweisung der Leitung. Glas sei zu gefährlich. Dass diese neue Regel zu einer erheblichen Beeinträchtigung ihres Frühstücks führt, interessiert niemanden. Nach dem Abwasch macht sie sich auf den Weg. Was wird sie heute finden?
Dr. Miranda Anderson trat ihren Dienst im Karolin-Spital-Krankenhaus an. Der weiße Kittel gestärkt und gebügelt, ihr Stethoskop poliert. Sie begleitet den Oberarzt, hört und sieht zu, macht sich Notizen. Vielleicht ist Dr. Anderson ein wenig aufmerksamer als die anderen, denn am ersten Tag fällt ihr die alte Dame neben dem Abfalleimer auf.
Jedes Mal, wenn Miranda den Wartesaal betritt, um einen Patienten oder Angehörigen aufzurufen, sitzt diese noch am selben Platz. Die Seniorin unterhält sich nicht, schaut nicht herum, kauft nichts am Kiosk. Bis zum Abend streicht diese gelegentlich über ihre Kleider oder prüft ihren Dutt auf Halt. Kurz nach Durchsage zur baldigen Schließung für Besucher stöbert sie im Müll, steckt Gefundenes ein und macht sich aus dem Staub. Augenscheinlich ist die arme Frau obdachlos, einsam und womöglich verwirrt.
Nach einer Woche der gleichen Beobachtung fragt Miranda Schwester Elna, ob der armen Dame nicht geholfen werden müsse. Die Augenbrauen der Krankenschwester ziehen sich irritiert zusammen.
„Die Frau mit dem Mantel ohne Knöpfe?“
Elnas Miene klart auf und sie sagt unbekümmert: „Unni“, bevor sie weiter Tabletten in Schälchen verteilt.
Entweder bedeutet Unni „Das kümmert mich nicht“, oder es ist der Name der Frau.
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